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12.1.05 Hamburger Abendblatt
Zahl der Geburten in 40 Jahren
fast halbiert

Immer mehr Paare wollen keine Kinder

Kommentar
Eine Gesellschaft, die Kindern keinen Raum gibt, ihnen Rechte vorenthält, stets negativ über sie spricht und damit Verachtung ausdrückt; eine Gesellschaft, in der Kinder nur noch als "Ziel- gruppe" und künftige Rentenzahler einen Wert haben; eine Gesellschaft, die sich mehrheitlich über Eltern und deren "Selbstverschulden" amüsiert und diese von allen Seiten wie einen Spielball hin und herstößt - eine solche Gesellschaft darf sich nicht wundern, wenn ihre Kinder das Desaster, das sie selbst durchgemacht haben, nicht wiederholen und weitergeben wollen. Auch wenn sie sich alle- samt in ihrem Innersten etwas anderes, nämlich Verständnis, Liebe, Geborgenheit - sprich Familie - wünschen würden. Doch leider wurde diese Generation zu lange und zu gründlich verkohlt!

Hinweis
Lange Zeit haben wir versucht, aktuelle Meldungen und Artikel des Hamburger Abendblattes als Kinderlobbyisten zu kommentieren. Leider hat sich gezeigt, daß hieran - zumindest momentan - noch kein großes Interesse besteht. Und da unsere Arbeit rein ehrenamtlich erfolgt, investieren wir unsere Energie und Zeit lieber so lange in konkrete Projektarbeiten (s. dago-aktuell), bis sich das Interesse an Kindern und deren Rechten etwas erhöht.

Ungeachtet dieser Entscheidung lohnt es sich dennoch, die "alten" Kommentare einmal durchzulesen, um ein Gefühl für den Umgang mit Kindern in unserer (Medien-)Gesellschaft zu bekommen.

Edith Aufdembrinke
1. Vorsitzende
dago Kinderlobby e.V.

 

 


Zum Tod der kleinen Jessica
Hamburg, den 4.März 2005

„Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft“. So heißt es in Artikel 6, Absatz 2 unseres Grundgesetzes. Doch wo war das wachsame Auge der staatlichen Gemeinschaft im Fall Jessica? Seit 7 Monaten hätte sie zur Schule gehen sollen – doch Vertreter der Schulbehörde sahen „keine Gefahr im Verzug“.

Dem grundgesetzlich verankerten Elternrecht steht leider kein praktiziertes Kindesrecht gegenüber. Dabei trat am 5. April 1992 in Deutschland die UN-Kinderrechtskonvention in Kraft, die Rechte von Kindern festschreibt. Nach 13 Jahren haben diese Rechte immer noch nicht den Weg in den Alltag gefunden, gibt es landesweit kaum Kinderbeauftragte oder andere Personen, die konsequent als Fürsprecher von Kindern auftreten.

Wie viele Kinder wie Jessica oder Michelle gibt es noch – verborgen hinter den Mauern der elterlichen Wohnung? Kinder, die körperlich und seelisch verhungern!

Ich will Eltern nicht ihre Verantwortung nehmen, aber ich stelle mir doch die Frage, wie viele Eltern sich ihrer Verantwortung gar nicht bewusst sind. Nicht bewusst, weil sie selbst nie einen fürsorglichen Umgang seitens ihrer Eltern erlebt und Elternsein nie gelernt haben!

Hier knüpft sich die aktuelle Diskussion über Schule und frühkindliche Erziehung wieder an. All die Eltern, die sich in der Vorschulphase und auch später selbst um ihre Kinder kümmern wollen und sich vehement gegen Veränderungen wehren, lassen Kinder wie Jessica leider unbeachtet. Das Beste für sein eigenes Kind zu wollen darf nicht bedeuten, andere zu ignorieren. Andererseits habe ich selbst mich konstant geweigert, meinen Sohn früh morgens zu wecken (anstatt ihn ausschlafen zu lassen) und unter Zeitdruck morgens um 8 Uhr im Kindergarten abzuliefern. Wir kamen immer erst um 10 Uhr. Dann hatte der Lütte ausgeschlafen, gefrühstückt, noch etwas gespielt und war nun bereit für den Tag. Warum gibt es eigentlich keine Nachmittagskindergärten, keine „2. Schicht“? Warum heißt die Alternative für den Nachmittag „Ganztagsbetreuung“? Ich denke, vielen Eltern wäre mit einer Nachmittagsbetreuung mehr gedient als mit der geläufigen, unflexiblen Regelung. Finanziell dürfte sich das Ganze auch rechnen, da die Einrichtungen selbst ja vorhanden sind und in den Nachmittagsstunden oftmals einfach leer stehen.

Jessica könnte noch leben, wenn unsere Gesellschaft sie früher in ihren Schoß genommen hätte. Und wenn Eltern endlich besser in diese Gesellschaft eingebettet würden anstatt den finanziellen und moralischen Druck bis ins Unendliche zu erhöhen. Das Ventil für diesen Druck sind leider die Kinder.

Wenn dann noch Arbeits- und scheinbare Ausweglosigkeit dazu kommen, wird der Kummer schnell in Alkohol ertränkt und die Kinder vergessen. Vergessen wie Jessica, vergessen wie Michelle (schon vergessen?)

„Diese Monstereltern sollte man genauso verhungern lassen wie ihr Kind“ höre ich momentan vielfach als Reaktion. Aber wer von den braven Bürgern, die sich jetzt empören, hätte denn etwas unternommen, wenn er selbst in der Wohnung nebenan gewohnt hätte? Wer klingelt denn beim Nachbarn, wenn man von dort Geschrei und Kinderweinen hört? Wer schreitet ein, wenn jemand sein Kind schlägt, anschreit, entwürdigt? Das geht einen ja nichts an. Und außerdem wird das Kind sich wohl schlecht benommen und seine Strafe verdient haben. Ach, wären die Kinder doch Hunde oder Katzen – wie schnell wäre dann der Tierschutz oder die Polizei benachrichtigt...!

Doch halt! Warum habe ich selbst jetzt gerade beim Gedanken ans „Jugendamt“ so ein komisches Gefühl im Bauch? Warum klingeln da Alarmglocken? Mache ich nicht vielleicht alles noch schlimmer, wenn ich Polizei und Jugendamt einschalte? Sind es nur Vorurteile, nur Ausnahmefälle, von denen ich immer wieder höre? Zum Beispiel, daß man betroffenen Kindern selbst scheinbar kaum zuhört und sie – entgegen klar geäußerten Wünschen - in Heime oder zu Pflegefamilien verbringt anstatt zu Großeltern oder getrennt lebenden Elternteilen. Aber wen könnte ich sonst informieren, wo könnte ich Hilfe finden? Wo finden Kinder Hilfe, wo bekommen sie Unterstützung?

An diesem Punkt müssen wir – meiner Meinung nach – ansetzen: Wir brauchen endlich eine öffentliche Festschreibung von Kinderrechten. Und Kinderbeauftragte, die sich um deren Einhaltung kümmern. Kinder- und Jugendpolitik muß sich vorrangig am Wohl der Kinder orientieren und diese auch selbst zu Wort kommen lassen. Die Medien sollten diesen Reformprozeß unterstützen – anderenfalls machen auch sie sich der Unterlassung schuldig. Denn ich befürchte, daß Jessica und Michelle erst der Anfang sind und wir noch viele vernachlässigte Kinder zu beklagen haben werden, wenn nicht bald etwas Gravierendes geschieht.

Edith Aufdembrinke
1. Vorsitzende
dago Kinderlobby e.V.


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